Das leere Land
Vor 2.500 Jahren wurde ein bewohntes Land für „leer” erklärt, damit eine zurückkehrende Elite es beanspruchen konnte. Die Archäologie beweist das Gegenteil.
Im März 2023 steht Israels Finanzminister Bezalel Smotrich an einem Rednerpult in Paris. Hinter ihm hängt eine Karte. Sie zeigt Israel, die besetzten Gebiete und das gesamte Staatsgebiet Jordaniens. Dazu Teile Syriens und des Libanon. „Greater Israel” (dt.: „Groß-Israel”). Smotrich sagt: „The Palestinian people are an invention that is less than 100 years old.” (dt.: „Das palästinensische Volk ist eine Erfindung, die weniger als 100 Jahre alt ist.”) Jordanien bestellt den israelischen Botschafter ein. [1]
Im November 2024 verkündet derselbe Smotrich: „The year 2025 will, with God’s help, be the year of sovereignty in Judea and Samaria.” (dt.: „Das Jahr 2025 wird, so Gott will, das Jahr der Souveränität in Judäa und Samaria.”) [2] Im September 2025 präsentiert er seinen Plan zur Annexion von 82 Prozent des Westjordanlands. [3] Im März 2026 steht er an der Nordgrenze Israels und veröffentlicht ein Video: „Very soon Dahieh will look like Khan Younis.” (dt.: „Sehr bald wird Dahieh aussehen wie Khan Younis.”) [4] Dahiyeh ist ein Vorort von Beirut, in dem über 500.000 Menschen leben. Khan Younis ist eine Stadt, die von der israelischen Armee nahezu vollständig zerstört wurde.
Ein Minister einer demokratischen Regierung droht einer halben Million Zivilisten offen mit Flächenbombardement. Das ist eine Drohung mit Kriegsverbrechen.
Smotrich ist kein Einzelfall. Daniella Weiss, Siedler-Ikone und Gründerin der Bewegung Nachala, sagte 2024: „We know from the Bible that the real borders of Greater Israel are the Euphrates and the Nile.” (dt.: „Wir wissen aus der Bibel, dass die wahren Grenzen von Groß-Israel der Euphrat und der Nil sind.”) [5] Der Euphrat fließt durch den Irak. Der Nil durch Ägypten. Das ist kein Randphänomen. Das ist Regierungspolitik, gestützt auf biblische Landverheißung.
Aber was steht wirklich in der Bibel? Was sagen die Archäologen, die in Tel Aviv und Jerusalem graben? Was steht auf den Keilschrifttafeln, die in Mesopotamien gefunden wurden?
Was wir in der Schule lernen
Die Geschichte geht so: Im Jahr 586 vor unserer Zeitrechnung eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem. Er zerstörte den Tempel Salomos. Das gesamte jüdische Volk wurde nach Babylon verschleppt. Dort lebten sie als Sklaven, weinten an den Strömen Babels und sehnten sich nach Jerusalem. Dann kam der persische König Kyros, befreite sie und schickte sie heim. Triumphale Rückkehr. Wiederaufbau des Tempels. Ende gut, alles gut.
Dieses Narrativ lernen Kinder in Sonntagsschulen. Es steht in Schulbüchern. Es bildet das Fundament für den modernen Staat Israel. Das „Law of Return” (dt.: „Rückkehrgesetz”) von 1950, das jedem Juden weltweit das Recht auf Einwanderung nach Israel gibt, basiert auf der Idee einer „Rückkehr” nach 2.000 Jahren Exil. [6]
Und es ist in fast jedem Punkt falsch.
Was die Archäologie sagt
Oded Lipschits ist Professor an der Tel Aviv University. Nicht in Ramallah, nicht in Teheran. In Tel Aviv. Er hat sein gesamtes akademisches Leben der Frage gewidmet, was nach 586 v.u.Z. in Judäa wirklich geschah. Sein Standardwerk „The Fall and Rise of Jerusalem” kommt zu einem Ergebnis, das die biblische Erzählung sprengt. [7]
Die Gesamtbevölkerung Judas vor der Zerstörung betrug etwa 110.000 Menschen. Davon wurden zwischen 10.000 und 20.000 deportiert. Das sind 10 bis 25 Prozent. [7]
Nicht das ganze Volk. Eine Minderheit.
Und nicht irgendeine Minderheit. Nebukadnezar deportierte gezielt die Elite: den König, seinen Hofstaat, die Priesterschaft, Handwerker, Schmiede, Soldaten. Die Bibel selbst bestätigt das in 2. Könige 24,14: „Niemand blieb übrig außer der ärmsten Landbevölkerung.” [8]
Der Satz ist entlarvend. Er soll sagen: Alle wurden deportiert. Er sagt in Wirklichkeit: Die „ärmste Landbevölkerung” blieb. Also die Mehrheit.
Die Deportierten kamen in drei Wellen. 597 v.u.Z die erste, nach der Rebellion König Jojachins. Die Babylonische Chronik, eine Keilschrifttafel im British Museum (BM 21946), bestätigt das Datum unabhängig von der Bibel: „Im siebten Jahr, im Monat Kislev, marschierte der König von Akkad nach Hatti-Land, belagerte die Stadt Juda und nahm den König gefangen.” [9] 586 v.u.Z die zweite Welle, nach der Zerstörung Jerusalems. 582 v.u.Z eine dritte, kleinere Gruppe von 745 Personen. Die biblischen Zahlen widersprechen sich dabei selbst. 2. Könige 24,14 nennt 10.000 Deportierte für die erste Welle. Jeremia 52,28-30 zählt insgesamt nur 4.600, vermutlich nur erwachsene Männer. [8]
Lipschits hat den archäologischen Befund systematisch aufgearbeitet. Die Benjamin-Region nördlich von Jerusalem zeigt keine Zerstörungsschicht aus dem 6. Jahrhundert. Mizpa, Gibeon, Bethel, Tell el-Ful: Überall Siedlungskontinuität durch die gesamte babylonische Periode. [7] In Mizpa fanden sich sogar Vorratskrüge mit YHWD-Stempelabdrücken. Verwaltungsstempel. Die Babylonier hatten dort Gedalja als Statthalter eingesetzt. Die Verwaltung lief weiter. Das Land war nicht leer. Es war bewohnt. Von Bauern, Hirten, Handwerkern, die ihre Abgaben nun an Babylon statt an den judäischen König zahlten.
2013 hielt Lipschits einen Vortrag am Oriental Institute der University of Chicago. Der Titel: „The Myth of the Empty Land and The Myth of the Mass Return.” [10] Beides Mythen. Das leere Land und die Massenrückkehr. Ein Professor der Tel Aviv University, 90 Minuten lang, auf YouTube. Das Fundament des israelischen Gründungsmythos: eine Geschichtsfälschung.
Keine Sklaven an den Strömen Babels
Psalm 137 gehört zu den berühmtesten Texten der Weltliteratur: „An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten.” Das Bild der versklavten Judäer, die in Ketten an den Ufern des Euphrat trauern, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Die Keilschrifttafeln erzählen eine andere Geschichte.
2014 publizierten Laurie E. Pearce (UC Berkeley) und Cornelia Wunsch (SOAS London) etwa 200 Keilschrifttafeln, die unter dem Namen „Al-Yahudu-Archiv” bekannt wurden. [11] Al-Yahudu bedeutet übersetzt „Judastadt”. Der Name steht auf den Tafeln selbst, in Keilschrift, als Ortsangabe bei Verträgen und Grundstücksgeschäften. Nebukadnezar hatte die Siedlung eigens für die judäischen Deportierten gegründet.
Die Tafeln decken einen Zeitraum von über hundert Jahren ab, von etwa 572 bis 477 v.u.Z. Es sind juristische und wirtschaftliche Dokumente: Pachtverträge, Kaufverträge, Kreditvereinbarungen, Erbschaftsregelungen. Kein einziger Klagebrief. Kein einziges Gebet um Befreiung.
Tero Alstola von der Universität Helsinki hat 2020 die bisher umfassendste Studie zu den Deportierten vorgelegt: „Judeans in Babylonia”. [12] Sein Befund ist eindeutig: Die Judäer waren keine Sklaven. Sie befanden sich in einem Zwischenstatus als sogenannte šušānu. Staatsabhängige. Sie erhielten Land vom babylonischen König, bewirtschafteten es und zahlten Steuern. Dafür leisteten sie Dienste: Landwirtschaft und Militärdienst als Bogenschützen. Sie waren in das babylonische ḫaṭru-System eingegliedert eine Organisationsform, in der Siedlergruppen dem Staat Dienste leisteten und dafür Land erhielten. Keine Freiheit, aber keine Sklaverei. Ein Zwischenraum.
Die Tafeln dokumentieren vier Generationen einer Familie. Es beginnt mit Samak-Yama, dem Urgroßvater, deportiert aus Juda. Sein Name enthält das Element -Yama, die babylonische Schreibweise für YHWH. Sein Enkel Ahiqam, Sohn des Rapa-Yama, ist der Hauptprotagonist des Archivs. Er taucht in 54 von 200 Tafeln auf.
Was steht auf diesen 54 Tafeln?
Ahiqam besaß eine Brauerei und ein Einzelhandelsgeschäft. Er vergab Kredite an andere Landbesitzer. Er fungierte als Mittelsmann zwischen der babylonischen Verwaltung und den judäischen Bauern, die in Gruppen von jeweils zehn Männern. einer Zehnerschaft. organisiert waren. [12] Eine Tafel dokumentiert, wie Ahiqam einem verschuldeten Bauern bei der Pachtzahlung half. gegen Zinsen. Eine andere zeigt ihn als Bürgen für einen Geschäftspartner. Wieder eine andere regelt die Verteilung von Bewässerungsrechten.
Eine Brauerei, Kreditgeschäfte, Wasserrechte. Keine Sklavenketten.
Kathleen Abraham von der KU Leuven publizierte einen Ehevertrag aus Al-Yahudu, der zeigt, dass Judäer andere Deportiertengruppen heirateten. [13] Die Kinder trugen teils hebräische, teils babylonische Namen. Über die Generationen nahm die Verwendung babylonischer Namen zu. Assimilation, nicht Versklavung.
König Jojachin selbst, der deportierte Herrscher, erhielt königliche Rationen vom babylonischen Hof. Das belegen die sogenannten Weidner-Tafeln, vier Keilschrifttafeln, die der Archäologe Robert Koldewey zwischen 1899 und 1917 bei Ausgrabungen in Babylon fand. Auf den Tafeln steht sein Name in Keilschrift: „Ja’u-kīnu, König des Landes Jahūdu.” Daneben: Öl- und Getreiderationen für ihn und seine fünf Söhne. [14] Einer der eindrucksvollsten Fälle, in denen ein biblischer König in einer zeitgenössischen außerbiblischen Quelle namentlich erwähnt wird.
Die Erfindung einer Religion
Vor dem Exil war der Kult um YHWH etwas völlig anderes als das, was wir heute unter Judentum verstehen.
Mark S. Smith von der New York University hat in seinem Standardwerk „The Early History of God” die Religionsgeschichte Israels rekonstruiert. [15] YHWH war ursprünglich ein Sturmgott aus der Region Edom, im heutigen Südjordanien. Er wurde in das kanaanäische Pantheon integriert und verschmolz mit dem Schöpfergott El. Daher die biblischen Bezeichnungen El Elyon, El Shaddai. Neben YHWH wurden andere Gottheiten verehrt. Inschriften aus Kuntillet Ajrud in der Sinai-Wüste, datiert auf etwa 800 v.u.Z., erwähnen „YHWH und seine Aschera”. [15] Aschera war eine Fruchtbarkeitsgöttin. YHWHs Partnerin.
Das war kein Monotheismus. Das war ein polytheistischer Staatskult.
Erst im babylonischen Exil passierte der entscheidende Sprung. Ein anonymer Prophet, den die Bibelwissenschaft als Deutero-Jesaja bezeichnet. seine Texte stehen in Jesaja 40 bis 55, stammen aber nicht vom historischen Jesaja., formulierte erstmals die radikale Behauptung: Es gibt keine anderen Götter. Nicht „verehrt nur YHWH”, sondern: „Außer mir ist kein Gott.” [16]
Jesaja 44,6: „So spricht YHWH, der König Israels: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.” [16]
Thomas Römer, Professor am Collège de France und einer der einflussreichsten Bibelforscher der Gegenwart, hat diesen Prozess in „Die Erfindung Gottes” nachgezeichnet. [17] Der Titel ist Programm. YHWH wurde nicht „entdeckt”. Er wurde konstruiert. Aus einem regionalen Sturmgott wurde der universale Schöpfergott. Das geschah in Babylon, nicht in Jerusalem.
Die Priesterschrift, jene Quellenschicht des Pentateuch, die den Schöpfungsbericht in Genesis 1 enthält, wird von der Mehrheit der Forschung ins Exil oder die frühe Nachexilszeit datiert. [18] Genesis 1 ist keine naive Schöpfungserzählung. Es ist eine theologische Kampfschrift gegen die babylonische Kosmogonie, den Schöpfungsmythos des Enuma Elisch. In dem babylonischen Mythos erschafft der Gott Marduk die Welt aus dem Kampf gegen das Chaosungeheuer Tiamat. In Genesis 1 schafft YHWH allein, durch das Wort. Kein Kampf, kein Gegner. Sonne und Mond werden nicht einmal beim Namen genannt, weil sie in Babylon als Götter galten. Sie heißen nur „das große Licht” und „das kleine Licht”. [18]
Sogar der Sabbat wurde in Babylon neu erfunden. Jacob L. Wright von der Emory University hat gezeigt, dass der vorexilische Schabbat ein Vollmondfest war. [19] Das akkadische Wort šapattu bezeichnete den 15. Tag des Mondmonats, den Vollmond. Als der Tempel zerstört war, musste die Praxis überleben ohne den Ort. Die wöchentliche Arbeitsruhe verschmolz mit dem Vollmondfest zum Sieben-Tage-Sabbat, unabhängig vom Mond. Portabel. Praktikabel ohne Tempel. [19]
Aus einem Staatskult wurde eine Buchreligion. Aus Judäern wurden Juden. Die Tora ersetzte den Tempel als zentrales Heiligtum. Beschneidung, Speisegesetze, Sabbatheiligung: Alles Praktiken, die ohne festen Ort funktionieren. Die Religion wurde tragbar, weil sie tragbar sein musste.
Das ist keine Schmähung. Es ist eine der beeindruckendsten intellektuellen Leistungen der Antike. Aber es zeigt: Das Judentum, wie wir es kennen, ist ein Produkt des Exils. Nicht das, was vorher war.
Die Priester und Schriftgelehrten, die diese neue Religion in Babylon erschufen, waren dieselben, die wenig später nach Judäa zurückkehrten. Sie brachten nicht nur sich selbst mit. Sie brachten ein fertiges theologisches System mit, das ihren exklusiven Machtanspruch begründete.
Die „Befreiung”, die keine war
Der Kyros-Zylinder ist eines der berühmtesten Artefakte der Antike. Ein Tonzylinder, 23 Zentimeter breit und 8 Zentimeter im Durchmesser, gefunden 1879 in Babylon, heute im British Museum unter der Nummer BM 90920. [20] Er wird regelmäßig als „erste Menschenrechtserklärung der Geschichte” bezeichnet.
Diese Bezeichnung ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.
1971 feierte der iranische Schah Mohammad Reza Pahlavi das angeblich 2.500-jährige Bestehen der persischen Monarchie mit einem Mega-Event in Persepolis. Der Kyros-Zylinder wurde zum Symbol persischer Toleranz erklärt. Eine Replik ging an die Vereinten Nationen, versehen mit einer englischen „Übersetzung”, die „largely truncated and manipulated” war, wie die World History Encyclopedia festhält. gekürzt und manipuliert, um Kyros als Urheber einer Menschenrechtscharta darzustellen. [20] [21] Aus dem Text wurden sämtliche religiösen Referenzen an Marduk entfernt. Stattdessen wurde Ahura Mazda eingefügt der persische Gott, der im Original kein einziges Mal vorkommt.
Seitdem kursiert eine gefälschte Übersetzung im Internet. Sie enthält Sätze über Religionsfreiheit, Asylrecht und die Abschaffung der Sklaverei. „Slavery must be abolished throughout the world” (dt.: „Die Sklaverei muss weltweit abgeschafft werden”), liest sich eine Version, die Der Spiegel 2008 als Fälschung identifizierte. [22] Der Text behauptet sogar einen Mindestlohn und ein Recht auf Selbstbestimmung. Nichts davon steht im keilschriftlichen Original.
Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi zitierte diese Fälschung in ihrer Nobelpreisrede 2003. [20] Der niederländische Althistoriker Jona Lendering, der auf Livius.org die vollständige wissenschaftliche Übersetzung bereitstellt, nennt die gefälschte Version „quite persistent” (dt.: „ziemlich hartnäckig”). [23]
Was steht tatsächlich auf dem Zylinder?
Amélie Kuhrt, Professorin am University College London, hat 1983 in einem bahnbrechenden Aufsatz gezeigt, was der Zylinder ist: eine konventionelle babylonische Königsinschrift. [24] Der Text ist im Namen des Gottes Marduk verfasst. Marduk ist zornig auf den letzten babylonischen König Nabonid, weil dieser den Marduk-Kult vernachlässigt hat. Marduk erwählt Kyros als sein Werkzeug. Kyros erobert Babylon. Kyros stellt den Marduk-Kult wieder her.
Zeile 11-12 des Originals: „Er prüfte und durchsuchte alle Länder, und dann nahm er einen gerechten König, seinen Liebling, bei der Hand, er rief seinen Namen: Kyros.” [20] Wer erwählt Kyros? Nicht Ahura Mazda. Marduk. Der babylonische Gott. Kyros übernimmt babylonische Königstitel: „König von Babylon, König von Sumer und Akkad, König der vier Weltgegenden.” [20]
Kuhrt formulierte es klar: „Der rein babylonische Kontext des Zylinders liefert keinen Beweis” dafür, dass Kyros den jüdischen Exilanten besondere Aufmerksamkeit schenkte oder den Tempel in Jerusalem wiederaufbauen ließ. [24]
Bob Becking von der Universität Utrecht wurde noch deutlicher: Der Zylinder „hat nichts mit Judäern, Juden oder Jerusalem zu tun.” [25]
Denn der Kyros-Zylinder erwähnt weder Juden noch Judäer noch Jerusalem. Nicht ein einziges Mal. Die genannten Orte liegen alle östlich des Tigris. Es geht um die Rückkehr babylonischer Götterstatuen, die Nabonid aus ihren Tempeln entfernt hatte.
Die biblische Version in Esra 1,1-4 erzählt die Geschichte anders. Dort ist es YHWH, nicht Marduk, der Kyros’ Herz bewegt. Aber das ist keine Übersetzung des Zylinders. Es ist eine theologische Umdeutung. Persische Realpolitik, übersetzt in judäische Heilsgeschichte.
Die Politik des Kyros war genau das: Realpolitik. Rückkehrende Deportierte, die ihr Land und ihren Tempel der persischen Großzügigkeit verdankten, waren loyale Untertanen. Wiederbesiedelte Provinzen an der strategisch wichtigen Grenze zu Ägypten waren Pufferzonen. Und Pufferzonen zahlen Steuern. [26]
Die meisten blieben
Die biblische Zahl für die Rückkehr: 42.360 Menschen (Esra 2,64). [8] Eine beeindruckende Zahl. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Übertreibung.
Lester L. Grabbe von der University of Hull beschreibt die Rückkehr als „trickle”. ein Tröpfeln, das sich über Jahrzehnte erstreckte. [26] Kein organisierter Exodus. Ein langsamer, unspektakulärer Prozess.
Was geschah, war eine Spaltung. Ein Teil der deportierten Elite kehrte nach Judäa zurück und etablierte dort eine priesterliche Theokratie. Der größere Teil blieb in Babylonien. Beide Gruppen stammten von denselben Deportierten ab. Aber ihre Wege trennten sich für 2.500 Jahre.
Lipschits’ Bevölkerungsschätzungen für die persische Provinz Yehud liegen bei 30.000 Einwohnern im 5 und 4. Jahrhundert v.u.Z. [7] Das sind weniger als die 110.000 vor der Zerstörung. Die große Massenrückkehr hat nicht stattgefunden.
Die meisten Judäer blieben in Babylonien. Sie hatten dort seit Generationen gelebt, Grundbesitz erworben, Familien gegründet, Geschäfte aufgebaut. Die Al-Yahudu-Tafeln dokumentieren judäisches Leben in Babylonien bis mindestens 477 v.u.Z., Jahrzehnte nach dem angeblichen Rückkehredikt. [11] Die Murashu-Archive aus Nippur, 730 Keilschrifttafeln aus dem 5. Jahrhundert v.u.Z., entdeckt 1893 von der University of Pennsylvania, zeigen eine florierende judäische Gemeinde mit mindestens zehn Siedlungen in der Region. [27]
Die jüdische Gemeinde in Mesopotamien hörte nicht auf zu existieren. Im Gegenteil. Sie blühte 2.500 Jahre lang. Die großen talmudischen Akademien von Sura (gegründet ca. 219 n.u.Z.) und Pumbedita (gegründet ca. 259 n.u.Z.) wurden zu den wichtigsten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit weltweit. [28] Der Babylonische Talmud, kompiliert zwischen dem 3 und 6. Jahrhundert, ist dreimal so umfangreich wie der Jerusalemer Talmud und wurde zum normativen Text des rabbinischen Judentums. [28] Nicht der Jerusalemer. Der babylonische.
Das intellektuelle Zentrum des Judentums lag nicht in Jerusalem. Es lag in Babylon. Die „Nicht-Rückkehrer” produzierten das wichtigste Werk der jüdischen Geistesgeschichte. Die Diaspora war kein Defekt. Sie war das intellektuelle Zentrum.
Die „Orientalen”: Wie Israel seine eigenen Juden behandelte
In den 1950er Jahren emigrierten über 120.000 irakische Juden nach Israel. Die Nachkommen jener Gemeinde, die 2.500 Jahre in Mesopotamien gelebt hatte. Die Umstände ihrer Emigration sind komplex und verdienen einen eigenen Artikel. Was dokumentiert ist, ist wie Israel sie empfing.
Sie kamen als Mizrachim. „Orientalen”. In ein Land, das von europäischen Aschkenasim gegründet und dominiert wurde.
Ella Shohat, selbst irakisch-jüdischer Herkunft, Professorin an der New York University, beschrieb den Schock in einem bahnbrechenden Essay von 1988: „Sephardim in Israel: Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims”. [29] Ihre Eltern, die im Irak Juden gewesen waren, wurden in Israel zu „Arabern”. Sie erhielten die Anweisung, am Arbeitsplatz kein Arabisch zu sprechen. Kindern wurde in der Schule dasselbe beigebracht. [30]
Die Ankunft sah so aus: Erst wurden die Immigranten mit dem Insektizid DDT besprüht. offiziell zur „Entlausung” und „Desinfektion”. [31] [32] Dann kamen sie in die Ma’abarot, Transitlager: Zeltstädte ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne sanitäre Grundversorgung. [31] Während Aschkenasim aus Europa in feste Wohnungen und Kibbuzim verteilt wurden, blieben Mizrachim jahrelang in den Lagern. [33]
Die Zahlen sprechen für sich:
Einkommen: Das Adva Center ermittelte 2004, dass das Durchschnittseinkommen von Aschkenasim 36 Prozent über dem von Mizrachim lag. [34] Andere Erhebungen beziffern den Einkommensunterschied auf durchgehend 20 Prozent. [35]
Bildung: Israelisch geborene Aschkenasim haben eine bis zu doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, ein Universitätsstudium aufzunehmen, wie israelisch geborene Mizrachim. [34]
Justiz: Eine Studie fand heraus, dass aschkenasische Opfer von Verkehrsunfällen vor israelischen Gerichten höhere Entschädigungen zugesprochen bekommen als mizrachische Opfer. [36]
Statistik als Werkzeug: Bis in die 1980er Jahre erhob Israels Statistikbehörde (Central Bureau of Statistics) Daten getrennt nach jüdischer Herkunft. Dann hörte sie damit auf. unter der Annahme, die Unterschiede würden im israelischen „Schmelztiegel” verschwinden. [36] [37] Sie verschwanden nicht. Die Datenerhebung wurde 2022 auf Druck erst wieder aufgenommen. [36]
Und dann gab es die Affären, über die Israel jahrzehntelang schwieg.
Die Yemenite Children Affair: In den frühen 1950er Jahren verschwanden Hunderte, möglicherweise Tausende Babys und Kleinkinder mizrachischer. vor allem jemenitischer. Familien aus Krankenhäusern und Transitlagern. Die Familien wurden informiert, die Kinder seien gestorben. Grabstätten wurden nicht mitgeteilt. Drei staatliche Untersuchungskommissionen brachten keine Klarheit. Knesset-Mitglied Dov Shilansky, Vorsitzender des Innenausschusses, sagte nach Anhörung von Zeugenaussagen: „I personally believe, in contradiction to the Shalgi report, that there were more than a few cases of kidnapping of Yemenite babies.” [38]
„Ich persönlich glaube, im Widerspruch zum Shalgi-Bericht, dass es mehr als nur vereinzelte Fälle von Entführungen jemenitischer Babys gab.” Bewiesen ist bis heute nichts abschließend. Widerlegt auch nicht.
Die Ringwurm-Affäre: In den 1950er Jahren wurden etwa 100.000 überwiegend mizrachische Kinder mit Röntgenstrahlung gegen Ringelflechte (Tinea capitis) behandelt. laut dem Dokumentarfilm „The Ringworm Children” mit einer Strahlendosis, die das empfohlene Maximum um ein Vielfaches überschritt. [39] Die israelische Knesset verabschiedete 1994 ein Entschädigungsgesetz für die Betroffenen. [39]
DDT-Besprühung. Transitlager. Verschwundene Babys. Strahlenexperimente an Kindern. Die israelische Journalistin und Historikerin Orly Noy fasste das Muster zusammen: „decades of institutionalized racism, the kidnapping of babies, and the spraying of new Mizrahi immigrants with DDT pesticide.” [32]
„Jahrzehnte institutionalisierten Rassismus, die Entführung von Babys und das Besprühen neuer mizrachischer Einwanderer mit dem Pestizid DDT.”
Die Nachkommen jener Judäer, die 539 v.u.Z. nicht zurückgekehrt waren und deren Gemeinde 2.500 Jahre in Mesopotamien überlebt hatte, wurden in Israel als rückständig, primitiv und erziehungsbedürftig behandelt. Wie Ella Shohat schrieb: Die Geschichte der Mizrachim ist die Geschichte des Zionismus „from the standpoint of its Jewish victims” (dt.: „aus der Perspektive seiner jüdischen Opfer”). [29]
Ethnische Säuberung mit göttlichem Auftrag
Zurück zur antiken Geschichte. Wer nach dem babylonischen Exil zurückkehrte, war nicht das ganze Volk. Es war ein Teil der deportierten Elite. Dieselben Priester und Schriftgelehrten, die in Babylon das Judentum als Buchreligion erfunden hatten.
Die Rückkehrer übernahmen die Provinz Yehud und etablierten eine priesterliche Theokratie. [26] Sie beanspruchten das alleinige Recht, zu definieren, wer „Israel” ist. Und sie schlossen alle aus, die nicht zu ihrer Gruppe gehörten.
Der Begriff „Israel” wird in den Büchern Esra und Nehemia exklusiv für die Rückkehrer-Gemeinde verwendet. [40] Nur wer aus dem Exil kam, gehört zu „Israel”. Die im Land Verbliebenen. obwohl sie YHWH verehrten, obwohl sie Nachkommen der alten Bevölkerung waren. werden ausgeschlossen. Sie heißen in den Texten „Völker des Landes”. Fremde im eigenen Land.
Was das Buch Esra dann beschreibt, ist nach heutigem Völkerrecht eine ethnische Säuberung.
Esra 9,2: „Das heilige Geschlecht hat sich vermischt mit den Völkern der Länder.” [8] Der hebräische Ausdruck lautet „zera ha-qodesch”. wörtlich „heiliger Same”. Dieser Begriff kommt im gesamten Alten Testament nur an dieser Stelle in diesem Kontext vor. Er impliziert biologische, nicht nur religiöse Reinheit. Eine rassische Trennlinie. [40]
Esra 10,3: „So lasst uns nun einen Bund machen mit unserem Gott, dass wir alle Frauen und die von ihnen geboren sind, hinaustun.” [8]
Hinaustun. Verstoßen. Frauen und Kinder.
113 Männer werden namentlich aufgelistet (Esra 10,18-43): 17 Priester, 6 Leviten, 1 Sänger, 3 Torhüter, 86 Laien. [8] Sie hatten lokale Frauen geheiratet. Sie wurden gezwungen, diese Frauen mitsamt deren Kindern zu verstoßen. Wer nicht erschien: „All sein Besitz gebannt und er selbst abgesondert von der Gemeinde der Weggeführten” (Esra 10,8). [8] Ökonomische Vernichtung als Druckmittel.
Der letzte Vers des Buches Esra: „Alle diese hatten fremde Frauen genommen, und es waren auch Frauen unter ihnen, die Kinder geboren hatten.” (Esra 10,44) [8]
Danach: Stille. Kein Wort über das Schicksal der verstoßenen Frauen und Kinder. Wohin gingen sie? In die Gemeinschaft der Verbliebenen? Zu den Samaritanern? Ins Nichts? Der Text schweigt, weil diese Menschen für die Verfasser nicht zählen.
Diese Frauen waren keine Ausländerinnen im modernen Sinne. Es waren Bewohnerinnen Judas, die während des Exils im Land geblieben waren. Ihre „Fremdheit” wurde religiös konstruiert: Wer nicht zur Exilsgemeinde gehörte, galt als unrein. [40]
Auch die Samaritaner wurden ausgeschlossen. Sie verehrten YHWH. Sie besaßen ihren eigenen Pentateuch, die älteste erhaltene Bibelhandschrift. Ihre Mitwirkung am Tempelbau wurde abgelehnt (Esra 4,1-3). [8] Aus Glaubensbrüdern wurden „Feinde”. Bob Becking hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung primär ein Machtkampf war, kein religiöser Konflikt. [25] Beide Gemeinschaften verehrten denselben Gott. Sie stritten um die Frage: Wer definiert „Israel”?
Das leere Land: Eine Textfälschung
Lipschits hat eine Entdeckung gemacht, die das gesamte Narrativ ins Wanken bringt. Das Buch Jeremia existiert in zwei signifikant verschiedenen Versionen. [41]
Die Septuaginta, die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel aus dem 3. bis 2. Jahrhundert v.u.Z., basiert auf einer älteren hebräischen Vorlage. Der Masoretische Text, die standardisierte hebräische Version, die erst zwischen dem 7 und 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung fixiert wurde, ist etwa ein Achtel länger. Rund 2.700 Wörter mehr. [41] [42]
Was steht in diesen zusätzlichen 2.700 Wörtern?
Verstärkte Verwüstungsformeln. Stereotype Wendungen wie „ohne Bewohner”. Verstärkte Verfluchungsrhetorik. Die „leeres Land”-Propaganda wurde nachträglich in den biblischen Text eingefügt.
Das ist keine Spekulation. Funde aus Qumran bestätigen es. In Höhle 4 am Toten Meer wurden Fragmente des Buches Jeremia gefunden, katalogisiert als 4QJer-b und 4QJer-d. Diese Fragmente stimmen mit der kürzeren Septuaginta-Vorlage überein nicht mit dem längeren Masoretischen Text. [41] [42] Die kürzere, ältere Version existierte also nachweislich als hebräischer Text. Sie ist keine Übersetzungseigenheit der griechischen Septuaginta. Es gab zwei hebräische Texttraditionen nebeneinander: eine kürzere (proto-LXX) und eine längere (proto-MT). [43]
Die längere Version hat die Rhetorik der Verwüstung systematisch aufgeblasen. In Jeremia 33,10-11 enthält der Masoretische Text zusätzliche Zeilen über die Verwüstung, die in der Septuaginta und den Qumran-Fragmenten fehlen. In Jeremia 32,43 bewahrt die griechische Version Zeilen, die im Masoretischen Text fehlen und die Qumran-Funde stützen die griechische Lesart. [42] Die Kapitelanordnung ist komplett verschieden. Die Fremdvölkersprüche stehen in der Septuaginta nach Kapitel 25, im Masoretischen Text am Ende des Buches.
Der Textbefund ist eindeutig: Zwei Versionen koexistierten. Die spätere, längere Version. diejenige, die zur Grundlage der heutigen Bibel wurde. enthält systematisch eingefügte Verwüstungsrhetorik. Textfälschung im Dienst einer Ideologie.
Chronik 36,21 ist das Paradebeispiel: „Das Land genoss seine Sabbate; die ganze Zeit der Verwüstung über ruhte es, bis siebzig Jahre voll waren.” [8] Dieser Vers ist eine theologische Rechenaufgabe: Er kombiniert die Sabbatjahr-Vorschrift aus Levitikus 25 (alle sieben Jahre soll das Land brach liegen) mit der 70-Jahre-Prophezeiung aus Jeremia 25 (Babylon wird 70 Jahre herrschen). 70 mal 7 ergibt 490: So viele Jahre lang wurde angeblich das Sabbatjahr nicht eingehalten. [44] Das Ergebnis ist eine retroaktive theologische Rationalisierung: Das Land musste leer sein, weil Gott es so wollte. Jede archäologische Evidenz von Siedlungskontinuität stört diese Theologie.
Hans M. Barstad von der Universität Oslo hat es beim Namen genannt. Der Titel seines Buches von 1996: „The Myth of the Empty Land.” [45]
Die Struktur ist klar. Die Rückkehrer-Elite brauchte ein leeres Land. Weil ein bewohntes Land ihren exklusiven Anspruch delegitimiert hätte. Also wurde das Land nachträglich leer geschrieben. In den Texten selbst. Das ist kein Interpretationsspielraum. Das ist ein philologischer Befund.
Die DNA-Bombe
2017 publizierten Marc Haber und ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift American Journal of Human Genetics eine Studie, die das Schicksal der biblischen Kanaanäer klärte. [46] Sie sequenzierten die Genome von fünf etwa 3.700 Jahre alten Individuen aus der Stadt Sidon, einer der großen kanaanäischen Stadtstaaten, und verglichen sie mit 99 modernen Libanesen.
Das Ergebnis: 93 Prozent des Genoms der heutigen Libanesen stammen von den bronzezeitlichen Kanaanäern ab. [46]
Die Kanaanäer wurden nicht ausgelöscht. Die Bibel sagt, Gott habe ihre Vernichtung befohlen (5. Mose 20,16-17). Die DNA sagt: Sie blieben. Ihre Nachkommen leben heute noch dort.
2020 folgte die nächste Studie. Agranat-Tamir und ein internationales Forscherteam publizierten in Cell: „The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant.” [47] Genomweite DNA-Daten von 73 Individuen aus fünf archäologischen Stätten der Bronze- und Eisenzeit. Forscher der Hebrew University Jerusalem, der Tel Aviv University und der Harvard Medical School.
Das Ergebnis: Israeliten und Kanaanäer waren genetisch nicht unterscheidbar. [47]
Die Bevölkerung der südlichen Levante stammte von zwei Quellpopulationen ab: lokalen neolithischen Bauern und Zuwanderern aus dem Nordosten (einer Kaukasus/Iran-Komponente). Die Vermischung war bereits in der mittleren Bronzezeit abgeschlossen. Verschiedene „kanaanäische” Gruppen ähnelten sich genetisch stärker untereinander als anderen Populationen. [47]
Die biblische Unterscheidung zwischen „Israeliten” (Gottes Volk, das von außen ins gelobte Land kam) und „Kanaanäern” (die zu vertreibenden Ureinwohner) hat keine genetische Grundlage. Die Israeliten sind aus der kanaanäischen Bevölkerung hervorgegangen. Nicht eingewandert. Hervorgegangen.
Israel Finkelstein, Professor an der Tel Aviv University, hatte das bereits 2001 archäologisch formuliert. In „The Bible Unearthed”: „Archaeological surveys in Israel show that there was no conquest, no infiltration, but a revolution of lifestyle.” [48]
„Archäologische Surveys in Israel zeigen, dass es keine Eroberung gab, keine Infiltration, sondern eine Revolution der Lebensweise.” Keine Landnahme von außen. Kanaanäische Halbnomaden, die sesshaft wurden und sich irgendwann „Israel” nannten.
Eine 2023 veröffentlichte Gesamtgenom-Studie, die ethnische Gruppen weltweit verglich, ordnete die palästinensischen Proben einer „Middle Eastern genomic group” (dt.: „nahöstlichen genomischen Gruppe”) zu. zusammen mit Samaritanern, Beduinen, Jordaniern, irakischen Juden und jemenitischen Juden. [49] Eine noch nicht peer-reviewte, aber methodisch umfangreiche Meta-Analyse von 2025 (161 ausgewertete aDNA-Studien) ging noch weiter: Moderne Palästinenser zeigen demnach eine „high-continuity derivation of the regional gene pool” (dt.: „hochgradig kontinuierliche Ableitung des regionalen Genpools”) mit 81 bis 87 Prozent genetischer Kontinuität zur bronzezeitlichen Levante-Population. [50]
81 bis 87 Prozent. Das ist keine vage Verwandtschaft. Das ist fast vollständige Abstammungskontinuität.
Die Biblical Archaeology Society fasste es im Januar 2026 zusammen: „Moderne Juden und Araber teilen mehr als die Hälfte ihrer Abstammung mit den bronzezeitlichen Kanaanäern.” [51]
Das bedeutet konkret: Die heutigen Palästinenser sind genetisch näher an den antiken Bewohnern des Landes als die Mehrheit der aschkenasischen Juden. Die Menschen, die im Namen einer „Rückkehr” vertrieben werden, haben eine stärkere biologische Verbindung zum Land als jene, die „zurückkehren”.
Dokumentierter Landraub: Das Muster
Es ist Zeit, die Dinge nebeneinander zu legen. Nicht als Metapher. Nicht als „interessanten Vergleich”. Sondern als dokumentiertes Muster.
Das leere Land.
539 v.u.Z.: Die biblischen Texte konstruieren das Bild eines völlig leeren Landes. 2. Chronik 36,21: „Das ganze Land lag brach.” Die Verwüstungsrhetorik wurde nachweislich nachträglich in die Texte eingefügt. Qumran beweist es.
1901: Israel Zangwill schreibt: „Palestine is a land without a people; the Jews are a people without a land.” (dt.: „Palästina ist ein Land ohne Volk; die Juden sind ein Volk ohne Land.”) [52].
2023: Bezalel Smotrich steht in Paris und erklärt: „The Palestinian people are an invention that is less than 100 years old.” (dt.: „Das palästinensische Volk ist eine Erfindung, die weniger als 100 Jahre alt ist.”) [1] Die dritte Iteration. Zuerst wurde das Land leer geschrieben. Dann die Existenz seiner Bewohner geleugnet. Dieselbe Technik.
Die Definition von Zugehörigkeit.
539 v.u.Z.: Die Rückkehrer-Elite definiert, wer „Israel” ist. Nur die Exilsgemeinde zählt. Die Verbliebenen werden zu „Fremden” erklärt. 113 Männer namentlich aufgelistet. Frauen und Kinder verstoßen.
1948: 750.000 Palästinenser werden vertrieben oder fliehen. Über 500 Dörfer werden zerstört oder entvölkert. [53] Ihr Rückkehrrecht wird bis heute verweigert.
2018: Das israelische Nationalstaatsgesetz erklärt: „Das Recht auf nationale Selbstbestimmung in Israel ist ausschließlich dem jüdischen Volk vorbehalten.” [54] Die 20 Prozent arabischen Staatsbürger sind per Gesetz zweitrangig.
Der Namensdiebstahl.
539 v.u.Z.: Das Südreich Juda eignet sich den Namen „Israel” an, obwohl das historische Israel das 722 v.u.Z. von den Assyrern zerstörte Nordreich war.
1948: Ben-Gurion wählt den Namen „Israel” für den neuen Staat. Nicht Judäa, nicht Zion. Israel. Der Historiker Martin Kramer hat die Namensgebung dokumentiert: Andere Vorschläge waren „Eretz Israel”, „Judäa”, „Zion”. Ben-Gurion setzte sich mit „Israel” durch der universalste Anspruch. [55]
Das Muster: Deportation einer Minderheit. Aufblähung zum Gesamt-Narrativ. Leere-Land-Behauptung. Rückkehr der Elite. Ausschluss der tatsächlichen Bevölkerung. Definitionsmacht über die Zugehörigkeit.
Shlomo Sand, israelischer Historiker an der Universität Tel Aviv, hat dieses Muster in „Die Erfindung des jüdischen Volkes” bis in die Gegenwart nachgezeichnet. [56] Sein provokantestes Argument: Die Römer haben nie ein ganzes Volk von der östlichen Mittelmeerküste ins Exil geschickt. [56] Die jüdische Diaspora entstand nicht durch Vertreibung, sondern durch Proselytismus und Migration. Wenn es kein Exil gab, gibt es keine „Rückkehr”. Und wenn es keine Rückkehr gibt, ist der Zionismus kein Akt der Restitution. Sondern ein Akt der Kolonisation.
Sand zitiert einen Fakt, der in Israel fast vergessen ist: Ben-Gurion und Ben-Zvi, die Gründerväter des Staates, erklärten 1929 bei mehreren Gelegenheiten, „dass die Bauern Palästinas die Nachkommen der Bewohner des antiken Judäa seien.” [56] Sie wussten es. Bevor die arabische Revolte die Fronten verhärtete, erkannten die Gründer Israels an, was die DNA-Forschung heute bestätigt: Die Palästinenser sind die Nachkommen der antiken Bevölkerung.
Die Vertreibung der Palästinenser ist die Vertreibung genau jener Menschen, deren Vorfahren seit der Bronzezeit dort lebten.
Die Blaupause
Oded Lipschits arbeitet an der Tel Aviv University. Israel Finkelstein arbeitet an der Tel Aviv University. Shlomo Sand arbeitet an der Tel Aviv University. Die DNA-Studie von 2020 wurde unter Beteiligung der Hebrew University Jerusalem durchgeführt. [47] Amélie Kuhrt lehrt am University College London. Bob Becking lehrt in Utrecht. Thomas Römer lehrt am Collège de France. Ella Shohat lehrt an der New York University. Tero Alstola promovierte an der Universität Helsinki.
Das ist kein Randwissen. Das ist der Forschungsstand. Er steht in Standardwerken, die an jeder Universität gelehrt werden.
Aber er wird nicht erzählt. Nicht in Schulbüchern. Nicht in Sonntagsschulen. Nicht in den Nachrichtenredaktionen, die jeden Tag über Israel berichten, ohne zu wissen, auf welchem Fundament die Erzählung steht, die sie reproduzieren.
Wer profitiert davon?
Die israelische Regierung profitiert, weil das biblische Narrativ den Landanspruch liefert, der sonst fehlt. Ohne die „Rückkehr nach Zion” ist die Staatsgründung kein Akt göttlicher Restitution, sondern ein kolonialer Akt. Das darf nicht erzählt werden.
Die evangelikale Rechte in den USA profitiert, weil die „Wiederherstellung Israels” in ihrem eschatologischen Drehbuch eine zentrale Rolle spielt. Ohne das biblische Israel keine Endzeit. Das darf nicht hinterfragt werden.
Die westliche Diplomatie profitiert, weil ein Israel mit göttlichem Mandat einfacher zu verteidigen ist als ein Israel mit Kolonialgeschichte. Historische Komplexität stört geopolitische Bündnisse. Das darf nicht kompliziert werden.
Die Geschichte des babylonischen Exils ist kein antikes Kuriosum. Sie ist die Blaupause. Das Muster, nach dem ein bewohntes Land für leer erklärt wird. Nach dem eine Minderheit zum ganzen Volk wird. Nach dem Rückkehrer bestimmen, wer dazugehört und wer nicht.
Dieses Muster funktioniert. Es hat 539 v.u.Z. funktioniert. Es hat 1948 funktioniert. Es funktioniert heute, im März 2026, wenn Bezalel Smotrich einer halben Million Zivilisten in Beirut mit der Khan-Younis-Behandlung droht und sich auf eine göttliche Verheißung beruft, deren historische Grundlage israelische Archäologen längst widerlegt haben. Wenn Daniella Weiss die Grenzen Israels am Euphrat und am Nil verortet. Wenn ein Staat, der seine eigenen mizrachischen Juden mit DDT besprühte und ihre Babys verschwinden ließ, sich auf 2.500 Jahre „Sehnsucht nach Zion” beruft.
Quellenverzeichnis
1] Smotrich-Rede in Paris, 19.03.2023. Smotrich bezeichnete das palästinensische Volk als „invention that is less than 100 years old” und sprach vor einer Karte von „Greater Israel”, die Jordanien einschloss. Vgl. Haaretz, 20.03.2023: „Smotrich claimed that the Palestinian people are a fictitious nation invented only to fight the Zionist movement”; Times of Israel, 20.03.2023; Axios, 20.03.2023; Jewish News (UK), 20.03.2023; Le Monde, 21.03.2023.
[2] Smotrich nach Trumps Wahlsieg, 11.11.2024. „We were a step away from applying sovereignty to the settlements in Judea and Samaria, and now is the time to do it. The year 2025 will, with God’s help, be the year of sovereignty in Judea and Samaria.” Vgl. Times of Israel, 11.11.2024; Haaretz, 12.11.2024.
[3] Smotrich-Annexionsplan, 03.09.2025. Plan zur Annexion von 82% des Westjordanlands. „It is time to apply Israeli sovereignty in Judea and Samaria and remove once and for all the idea of dividing our small land and establishing a terrorist state in its heart.” Vgl. Times of Israel, 03.09.2025.
[4] Smotrich-Video, 05.03.2026. An der Nordgrenze: „Very soon Dahieh will look like Khan Younis.” Berichtet u.a. von Al Jazeera, The Guardian, Times of Israel, Ynet News. Vgl. https://www.aljazeera.com/news/2026/3/5/israels-smotrich-threatens-beirut-suburbs-amid-evacuation-orders
[5] Daniella Weiss, November 2023. Interview in der Sendung „Riklin and Co” (Shimon Riklin), Channel 14 (Israel). Weiss: „We know from the Bible that the real borders of Greater Israel are the Euphrates and the Nile.” Clip verbreitet via Middle East Eye. Vgl. auch: The New Yorker, 11.11.2023 (Isaac Chotiner, „The Extreme Ambitions of West Bank Settlers”); IBTimes UK, 04.03.2026.
[6] Law of Return (חוק השבות), 1950. Knesset-Gesetzgebung. Vgl. Encyclopedia.com: „The Law gives legislative confirmation to the ancient Jewish yearning to return to Zion.”
[7] Lipschits, O. (2005). The Fall and Rise of Jerusalem. Winona Lake: Eisenbrauns. Bevölkerungsschätzungen: ca. 110.000 vor der Zerstörung, 10.000-20.000 Deportierte (10-25%), ca. 30.000 in der persischen Periode.
[8] Bibeltexte: 2. Könige 24-25; Esra 1-10; 2. Chronik 36; Jeremia 52.
[9] Babylonische Chronik (BM 21946, British Museum). Erstpublikation: Wiseman, D.J. (1956). Chronicles of Chaldaean Kings (626-556 B.C.) in the British Museum. London: British Museum.
[10] Lipschits, O. (2013). „The Myth of the Empty Land and The Myth of the Mass Return.” Vortrag am Oriental Institute, University of Chicago, 29. April 2013.
[11] Pearce, L.E. & Wunsch, C. (2014). Documents of Judean Exiles and West Semites in Babylonia in the Collection of David Sofer (CUSAS 28). Bethesda: CDL Press.
[12] Alstola, T. (2020). Judeans in Babylonia: A Study of Deportees in the Sixth and Fifth Centuries BCE. Culture and History of the Ancient Near East 109. Leiden: Brill. Open Access: https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/38113. Vgl. auch Alstola, T. (2022). „Everyday Life in Exile: Judean Deportees in Babylonian Texts.” ANE Today (ASOR), Vol. 10, Nr. 6.
[13] Abraham, K. (2005/2006). „West Semitic and Judean Brides in Cuneiform Sources from the Sixth Century BCE.” Archiv für Orientforschung 51: 198-219.
[14] Weidner, E. (1939). „Jojachin, König von Juda, in babylonischen Keilschrifttexten.” Mélanges syriens offerts à Monsieur René Dussaud, Vol. 2: 923-935.
[15] Smith, M.S. (2002). The Early History of God: Yahweh and the Other Deities in Ancient Israel. 2. Aufl. Grand Rapids: Eerdmans.
[16] Jesaja 40-55 (Deutero-Jesaja). Zuordnung zu einem anonymen exilischen Propheten: Konsens seit Bernhard Duhm (1892).
[17] Römer, T. (2015). The Invention of God. Harvard University Press. (Dt.: Die Erfindung Gottes, 2018.)
[18] Zur Priesterschrift: Nihan, C. (2010). „The Emergence of the Pentateuch as ‘Torah’.” Religion Compass 4(6): 353-364. Zum Verhältnis Gen 1 / Enuma Elisch: Schmid, K. & Schröter, J. (2019). Die Entstehung der Bibel. München: C.H. Beck.
[19] Wright, J.L. „How and When the Seventh Day Became Shabbat.” TheTorah.com. https://www.thetorah.com/article/how-and-when-the-seventh-day-became-shabbat
[20] Kyros-Zylinder (BM 90920, British Museum). Vollständige wissenschaftliche Übersetzung: Livius.org (Jona Lendering). https://www.livius.org/sources/content/cyrus-cylinder/cyrus-cylinder-translation/. Zur Fälschungsgeschichte und iranischen Rezeption: Van der Spek, R.J. (1982). „Did Cyrus the Great introduce a new policy towards subdued nations?” Persica 10: 278-283.
[21] World History Encyclopedia (Mark, J.J., 2012/2020). „The Cyrus Cylinder.” Zur gefälschten Übersetzung: „In 1971 CE [...] his dynasty offered a replica of the Cyrus Cylinder to the United Nations, with an English ‘translation’ that is largely truncated and manipulated in order to show that Cyrus made the first charter of human rights.” https://www.worldhistory.org/article/166/the-cyrus-cylinder/
[22] Der Spiegel International, 15.07.2008. „Falling for Ancient Propaganda: UN Treasure Honors Persian Despot.” Zur gefälschten Übersetzung: „’Slavery must be abolished throughout the world,’ the fake translation reads.” https://www.spiegel.de/international/world/falling-for-ancient-propaganda-un-treasure-honors-persian-despot-a-566027.html
[23] Livius.org (Lendering, J.). Zur Fälschung: „The idea that the Cyrus Cylinder plays a role in the history of human rights, has turned out to be quite persistent, and because the text itself does not enable the interpretation, a fake translation has been made.” https://www.livius.org/sources/content/cyrus-cylinder/
[24] Kuhrt, A. (1983). „The Cyrus Cylinder and Achaemenid Imperial Policy.” Journal for the Study of the Old Testament 25: 83-97.
[25] Becking, B. (2006). „’We All Returned as One!’ Critical Notes on the Myth of the Mass Return.” In: Lipschits, O. & Oeming, M. (Hrsg.), Judah and the Judeans in the Persian Period. Winona Lake: Eisenbrauns, 3-18.
[26] Grabbe, L.L. (2004). A History of the Jews and Judaism in the Second Temple Period, Vol. 1: The Persian Period. London: T&T Clark.
[27] Murashu-Archive: 730 Tafeln, entdeckt 1893 in Nippur (University of Pennsylvania). Datierung: ca. 455-403 v.u.Z.
[28] Zum Babylonischen Talmud und den Akademien von Sura und Pumbedita: Encyclopaedia Judaica, Einträge „Sura”, „Pumbedita”, „Talmud, Babylonian”.
[29] Shohat, E. (1988). „Sephardim in Israel: Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims.” Social Text 19/20: 1-35.
[30] Shohat, E. (2017). On the Arab-Jew, Palestine, and Other Displacements: Selected Writings. London: Pluto Press. Zur Erfahrung ihrer Familie: „In Iraq we were Jews. In Israel, we are Arabs.” Vgl. auch: Shohat, E. (1992). „Dislocated Identities: Reflections of an Arab-Jew.” Middle East Report Nr. 175 (März-April 1992).
[31] Vox, 11.04.2024. „Who are Mizrahi Jews? The untold story of Arab Jews and their solidarity with Palestinians.” Zur Ankunft: „First, they were sprayed with the insecticide DDT to ‘disinfect’ and ‘delouse’ them. Then they were sent to live in transit camps known as ma’abarot. tent cities with no electricity, running water, or basic sanitation.”
[32] 972 Magazine, 03.03.2020. „Yes, Mizrahim support the right. But not for the reasons you think.” Zitat: „decades of institutionalized racism, the kidnapping of babies, and the spraying of new Mizrahi immigrants with DDT pesticide.”
[33] Ma’abarot: Haavara, O. (2024). „Ma’abarot: Israeli immigrant transit camps revisited.” Israel Affairs, Taylor & Francis. DOI: 10.1080/13537121.2024.2367883. Vgl. auch: National Library of Israel, „The Ma’abarot” (nli.org.il); Haaretz, 18.04.2015: „Why Have Transit Camps for Mizrahi Jews Been Written Out of Israeli History?”
[34] Adva Center, Jahresbericht 2004/2012: Durchschnittseinkommen von Aschkenasim 36% (2004) bzw. 42% (2012) höher als das von Mizrachim. Universitätsbesuch: Aschkenasim „up to twice more likely to study in a university.” Vgl. Times of Israel, 29.01.2014: „Study finds huge wage gap between Ashkenazim, Mizrahim”; Middle East Eye, 11.06.2021: „Education and income gaps widening between Israel’s different Jewish groups.”
[35] Racial Equity Initiative: „Mizrahi Israelis receive 20% less income than their Ashkenazi counterparts.” https://www.theracialequityinitiative.org/anti-black-racism-in-israel/
[36] Times of Israel, 10.09.2022. „Inequality between Israel’s Mizrahi, Ashkenazi Jews to be measured in new statistics.” Zur Justiz: „a recent study finding that, following traffic accidents, Ashkenazi victims are awarded higher compensation by Israeli courts than Mizrahi victims.” Vgl. auch JTA, 08.09.2022.
[37] Nagar-Ron, S. (2021). Akademischer Artikel zur Geschichte der ethnischen Datenerhebung durch Israels Central Bureau of Statistics. Vgl. JTA, 08.09.2022.
[38] Yemenite Children Affair. Drei Untersuchungskommissionen: Bahlul-Minkowski (1960er), Shalgi (1988-1994), Kedmi (1995-2001). Knesset-Mitglied Dov Shilansky: „I personally believe, in contradiction to the Shalgi report, that there were more than a few cases of kidnapping of Yemenite babies.” Vgl. BBC, 20.06.2017: „Missing babies: Israel’s Yemenite children affair”; CNN, 22.11.2016: „Yemenite children: Were babies taken from Jewish migrants?”; UW Stroum Center for Jewish Studies, 11.02.2019; Association for Jewish Studies, Podcast-Transcript: „Yemenite Children Affair and the Story of the Mizrahi Jews.”
[39] Ringworm Affair. Mizrachi, N. et al. (2008). „Public Health, Racial Tensions, and Body Politic: Mass Ringworm Irradiation in Israel, 1949-1960.” Journal of Law, Medicine & Ethics 36(3). Cambridge University Press. Dokumentarfilm: Belhassen, D. & Hemias, A. (2003). The Ringworm Children (הילדים של הגזזת). Entschädigungsgesetz: The Compensation for Victims of Ringworm Law, 1994, S.H. (Knesset). Vgl. auch Haaretz, 05.08.2004: „Running rings around the victims.”
[40] Zur Konstruktion von „Israel” in Esra-Nehemia und zum Begriff „zera ha-qodesch”: Becking, B. (2006) [siehe 25]; Grabbe, L.L. (2004) [siehe 26].
[41] Zur Septuaginta vs. Masoretischer Text bei Jeremia: Tov, E. (2012). Textual Criticism of the Hebrew Bible. 3. Aufl. Minneapolis: Fortress Press. Zu 4QJer-b: ebd. Lipschits (2005) [siehe 7] zur Verstärkung der „leeres Land”-Rhetorik.
[42] UASV Bible, 12.08.2025. „How the Septuagint Differs from the Masoretic Text: Additions, Omissions, and Interpreted Renderings (With Jeremiah, Daniel, and Esther).” Zu Jer 32,43 und 33,10-11. Vgl. auch UASV Bible, 09.08.2025: „Dead Sea Scrolls–Septuagint Alignments Supporting the Masoretic Text in Old Testament Transmission”. bestätigt: „The LXX text of Jeremiah is approximately one-eighth shorter than the MT, with chapters arranged differently. DSS manuscripts of Jeremiah from Qumran (4QJer^b, 4QJer^d) match the shorter LXX order and wording.”
[43] Zur Koexistenz zweier hebräischer Texttraditionen: Medium (Keith, J., 22.12.2025): „a longer Hebrew version (proto-MT) and a shorter Hebrew version (proto-LXX) co-existed.” Vgl. auch Logos, 22.09.2022: „the Septuagint translator(s) carefully worked from a Hebrew text tradition that differed from the Masoretic Text.”
[44] Zur theologischen Konstruktion von 2 Chr 36,21: Japhet, S. (1993). I & II Chronicles: A Commentary. Old Testament Library. Louisville: Westminster John Knox.
[45] Barstad, H.M. (1996). The Myth of the Empty Land: A Study in the History and Archaeology of Judah during the ‘Exilic’ Period. Oslo: Scandinavian University Press.
[46] Haber, M. et al. (2017). „Continuity and Admixture in the Last Five Millennia of Levantine History from Ancient Canaanite and Present-Day Lebanese Genome Sequences.” American Journal of Human Genetics 101(2): 274-282. DOI: 10.1016/j.ajhg.2017.06.013. Zur 93%-Zahl: Los Angeles Times, 27.07.2017; New York Times, 27.07.2017; National Geographic, 27.07.2017; USA Today, 28.07.2017.
[47] Agranat-Tamir, M. et al. (2020). „The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant.” Cell 181(5): 1146-1159. DOI: 10.1016/j.cell.2020.04.024. Volltext: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10212583/
[48] Finkelstein, I. & Silberman, N.A. (2001). The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel. New York: Free Press.
[49] Kim, S.H. et al. (2023). „Genomic demography of world’s ethnic groups and individual genomic identity.” bioRxiv preprint. DOI: 10.1101/2022.03.28.486119. Ergebnis: Palästinensische Proben clustern in der „Middle Eastern genomic group” zusammen mit Samaritanern, Beduinen, Jordaniern, irakischen Juden und jemenitischen Juden.
[50] „Genetic Proximity of Modern Palestinians and Ashkenazi Jews to Iron Age Levantines: A Quantitative Paleogenomic Analysis” (2025). ResearchGate. Ergebnis: Palästinensisches „genomic profile represents a high-continuity derivation of the regional gene pool.”
[51] Biblical Archaeology Society (Jan. 2026). Bericht über DNA-Analysen antiker Überreste aus der Levante.
[52] Zangwill, I. (1901). New Liberal Review. Vgl. Muir, D. (2008). „A Land without a People for a People without a Land.” Middle East Policy 15/1. Bemerkenswert: Zangwill selbst erkannte nach einer Palästina-Reise 1905 die Existenz einer arabischen Bevölkerung an.
[53] Zur Nakba: Morris, B. (2004). The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited. Cambridge University Press. Pappé, I. (2006). The Ethnic Cleansing of Palestine. Oxford: Oneworld.
[54] Nationalstaatsgesetz (חוק יסוד: ישראל - מדינת הלאום של העם היהודי), 2018. Knesset-Gesetzgebung.
[55] Kramer, M. (2020). „1948: Why the Name Israel?” martinkramer.org, 27.04.2020.
[56] Sand, S. (2008). The Invention of the Jewish People. London: Verso. (Dt.: Die Erfindung des jüdischen Volkes, 2010.) Vgl. auch Sand, S. (2008). „Israel deliberately forgets its history.” Le Monde diplomatique, September 2008. https://mondediplo.com/2008/09/07israel

