In Teheran heulen die Sirenen. Betty Mahmoody und ihre kleine Tochter Mahtob warten im Dunkeln, während draußen Bomben einschlagen. Dreißig Jahre später wird Mahtob den Geruch dieser Nächte beschreiben: „burning human flesh“, brennendes Menschenfleisch.[1] Es ist eine der eindringlichsten Szenen eines der erfolgreichsten Sachbücher der Achtzigerjahre.
Eine Frage stellt das Buch an dieser Stelle nicht: Wessen Bomben sind das?
Es sind irakische. Saddam Hussein führt damals seit vier Jahren Krieg gegen Iran, und Washington steht auf seiner Seite. Die USA versorgen Bagdad mit Agrarkrediten und Geheimdienstinformationen, im Dezember 1983 schüttelt Ronald Reagans Sondergesandter Donald Rumsfeld Saddam in Bagdad die Hand.[2] Gleichzeitig fließen Waffen in die andere Richtung. Israel liefert seit Anfang der Achtzigerjahre amerikanische Waffen und Ersatzteile nach Teheran. Verteidigungsminister Ariel Sharon bestätigt das schon im Mai 1982 öffentlich, Botschafter Moshe Arens sagt wenig später, die Lieferungen seien mit Washington abgestimmt, „almost at the highest levels“.[29]
Not Without My Daughter erscheint 1987, im Jahr, in dem der Kongress diese Iran-Contra-Affäre in öffentlichen Anhörungen aufarbeitet und die US-Marine im Persischen Golf kuwaitische Öltanker gegen iranische Angriffe eskortiert.[30]
Es ist der erste blinde Fleck einer Geschichte, die das westliche Bild vom Iran geprägt hat wie kaum eine andere.
Was feststeht
Im August 1984 fliegt Betty Mahmoody mit ihrem Mann Sayyed Bozorg „Moody“ Mahmoody, einem iranischstämmigen Anästhesisten, und der gemeinsamen Tochter nach Teheran. Abgemacht sind zwei Wochen Familienbesuch. Am Ende eröffnet Moody ihr, dass sie bleiben werden, und als sie protestiert, schlägt er sie. Achtzehn Monate später, im Februar 1986, ist sie mit Mahtob zurück in den USA.[3]
Das ist nicht nur Bettys Version. Mahtob, heute erwachsen, hat 2015 ein eigenes Buch veröffentlicht. Sie beschreibt darin, wie sie als Kind zusah, als ihr Vater die Mutter schlug, und dass er auch sie schlug. Jahrelang lebte sie danach unter falschem Namen, aus Angst, er könne sie holen.[1]
Der Ghostwriter
Auf dem Umschlag der amerikanischen Erstausgabe steht klein: with William Hoffer. Geschrieben haben das Buch William Hoffer und seine Frau Marilyn, Betty lieferte die Erzählung.[5]
Hoffer kannte das Genre. Zehn Jahre zuvor hatte er für den Amerikaner Billy Hayes aufgeschrieben, wie der wegen Haschischschmuggels in einem türkischen Gefängnis landete und floh. Das Buch hieß Midnight Express, die Verfilmung von 1978 gewann zwei Oscars und machte für eine ganze Generation aus der Türkei ein Land sadistischer Wärter und schmutziger Zellen.[5]
2007 stand Billy Hayes in Istanbul vor der Presse und entschuldigte sich. Der Film sei eine „grobe Übertreibung und einseitige Falschdarstellung“ dessen, was er erlebt habe.[6] Auch das Buch sei „etwas übertrieben und dramatisiert“.[7]
Beide Bücher folgen derselben Formel: Ein Amerikaner sitzt in einem muslimischen Land fest, ist grausamen Einheimischen ausgeliefert, entkommt unter Lebensgefahr, und alles wird als wahre Geschichte verkauft. Zweimal kam sie aus derselben Feder, zweimal wurde daraus ein Hollywoodfilm. Die Kulturwissenschaftlerin Perin Gürel von der University of Notre Dame hat diesem Doppel eine eigene Forschungsarbeit gewidmet.[8]
Bei Midnight Express hat der Held selbst die Übertreibung eingeräumt. Bei Nicht ohne meine Tochter lässt sich die dramatischste Szene gar nicht prüfen.
Eine Flucht ohne Zeugen
Das Herzstück des Buchs ist die Flucht: im Winter, zu Fuß und zu Pferd über das verschneite Zagros-Gebirge in die Türkei, geführt von Schmugglern, organisiert von einem Mann namens Amahl. Im Vorwort steht, die Namen und erkennbaren Details folgender Personen seien geändert worden, um sie vor Verhaftung und Hinrichtung zu schützen: Hamid, Judy, Ali, Rasheed, Trish, Suzanne, Mrs. Azahr, die „geheimnisvolle“ Miss Alavi, Amahl und der Schmuggler.[3]
Der Schutz ist nachvollziehbar, die Folge bleibt: Jeder Mensch, der diese Episode bezeugen könnte, ist unauffindbar.
Moody bestreitet sie. Im Klappentext seines 2013 posthum erschienenen Buchs heißt es, sie sei „days after his green-card expired“ mit einem Swissair-Flug aus Teheran ausgereist.[9] Einen Beleg legt er nicht vor. Eine Amerikanerin, die damals mit einem Iraner verheiratet in Teheran lebte und deren Tochter mit Mahtob spielte, sagt im finnischen Dokumentarfilm Without My Daughter (2002), die amerikanischen Frauen in ihrem Umfeld seien empört gewesen über „offensichtliche Lügen“ im Buch, etwa die Behauptung, Iraner wüschen sich nur einmal im Jahr. Schläge habe sie nie bemerkt, und eine Winterflucht über diese Berge ohne Ausrüstung halte sie für kaum vorstellbar.[10]
Ob Betty über die Berge kam oder im Flugzeug saß, steht Aussage gegen Aussage. Geprüft werden kann dagegen, was in Michigan geschah, während Moody in Teheran saß.
Das Gericht in Michigan
Über Scheidung und Sorgerecht entschied Patrick Reed Joslyn, Richter am 54. Circuit Court im ländlichen Tuscola County.[10a] Moody erfuhr nach eigener Aussage erst von der Scheidung, als sie rechtskräftig war. Er verlor das Sorgerecht, jedes Kontaktrecht und sein gesamtes Vermögen in den USA, wo er fast zwanzig Jahre gelebt hatte.[10] In den Gerichtsakten stand er mit „Adresse unbekannt“. Das Urteil selbst erreichte ihn ohne Umweg an der Adresse in Teheran, die er nach eigenen Angaben immer gehabt hatte. Den abgestempelten Umschlag hat er aufbewahrt.[10] Stimmt das, dann galt ein Vater für das Verfahren als unauffindbar, für das Ergebnis aber nicht.
Als die finnischen Filmemacher Joslyn Jahre später vor die Kamera holten, bestätigte er das im Kern selbst. Niemand habe Moody vertreten, niemand habe für ihn Unterlagen eingereicht. Zugestellt worden sei ihm die Klage offenbar „mit gewöhnlicher Post“, denn „natürlich ist kein Sheriff aus Michigan nach Teheran gefahren“. Nach Angaben der Filmemacher erreichte ihn die Ladung erst im April 1991, und Joslyn räumte ein, dass es dann „zu spät“ gewesen sei, um noch vor Gericht zu erscheinen. Dass Moody erst von seiner Scheidung erfuhr, als alles vorbei war, nannte Joslyn „ein Fait accompli“. Für die Aufteilung des Vermögens sei sein Gericht deshalb gar nicht zuständig gewesen, „he would have sound reasons for attacking the judgment“. Beim Sorgerecht sehe er aber keinen Grund, die Sache neu aufzurollen: Sie sei „done and over with“.[10b]
Auf die Frage, ob Politik eine Rolle gespielt habe, wehrte Joslyn ab: „Oh nein, niemals, nicht in meinem Gericht. Ich würde keinerlei Xenophobie, Angst, Vorurteile oder Befangenheit zulassen. Mr. Mahmoody hätte in meinem Gerichtssaal den roten Teppich bekommen.“[10b]
Später im selben Interview, als es darum ging, ob Moody „einer dieser tollwütigen Fundamentalisten“ sei, „die Amerikaner hassen“, wie jene, die 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzt hatten, sagte derselbe Richter:
„Ich war beim Militär. Wenn ich dieses Land führen würde, gäbe es eine Menge toter Iraner. Und das ist nicht zivilisiert, und es ist eine schreckliche Art, Geschäfte zu machen, aber das scheint die einzige Art zu sein, wie man mit diesen irrationalen Leuten umgehen kann.“[10b]
Dann, für einen Moment, nachdenklich:
„Ich habe ein schlechtes Bild vom Dschihad und von der Hisbollah, und vielleicht ist das von unseren eigenen Medien gemacht, weil wir eine Menge Juden in den Medien haben, die die Informationen kontrollieren, die in die Vereinigten Staaten kommen. Aber wenn man gesehen hat, was diese Leute tun …“[10b]
In diesem Satz steckt der ganze Mechanismus. Joslyn ahnt, dass sein Bild von „den Iranern“ aus zweiter Hand stammt, aus Fernsehbildern, Schlagzeilen und Hollywood. Statt daraus zu schließen, dass er Moody vielleicht nicht fair beurteilt hat, schiebt er die Verantwortung für sein Feindbild auf die nächste Gruppe, „die Juden in den Medien“, und hält im selben Atemzug an seinem Urteil fest. Der eine Pauschalverdacht stützt den anderen.
Joslyn ersetzt ein Feindbild durch das nächste. Dabei gibt es Verbindungen, über die man reden muss, und dieser Artikel tut das: Der Film entstand im Umfeld von Cannon, dem Studio der israelischen Produzenten Golan und Globus, das in den Reagan-Jahren Feindbilder am Fließband lieferte, und er wurde in Israel gedreht. Das Buch erschien 1987, im Jahr von Iran-Contra und Tankerkrieg. Das sind Interessen von Staaten, Studios und Verlagen.
Die Filmemacher haben die beiden Szenen bewusst so montiert: erst der „rote Teppich“, kurz darauf die „toten Iraner“. Eine Dokumentation, die Moodys Seite erzählt, hat ein Interesse daran, den Richter schlecht aussehen zu lassen. Die Sätze selbst hat ihm aber niemand in den Mund gelegt.
Die Fertigungsstraße
Ein Urteil in Michigan macht noch keinen Weltbestseller. Dafür braucht es eine Branche. Folgt man den Stationen von Nicht ohne meine Tochter, sieht man eine Fertigungsstraße, auf der fast jeder Arbeitsplatz schon einmal ein Feindbild hergestellt hatte.
Den Kontakt zur Verlagswelt stellte laut Mahtob ein Bekannter her, kurz darauf meldete sich ein Agent der William Morris Agency, damals die mächtigste Talentagentur Hollywoods.[1] Wer dort unterschreibt, schreibt fürs Kino.
Das Buch erschien 1987 bei St. Martin’s Press in New York.[11] Ein Jahr später druckte Reader’s Digest eine gekürzte Fassung in seinen Condensed Books, Band 175, die in Millionen amerikanischer Wohnzimmer lagen.[12] Unter seinem Gründer DeWitt Wallace war das Magazin eine der lautesten Stimmen des amerikanischen Antikommunismus. Wallaces Biograf John Heidenry beschreibt, wie das Blatt den Status eines Lieblingsmediums der CIA erlangte und vor allem in seinen Auslandsausgaben Artikel druckte, die nach Vorwürfen von Journalisten der Geheimdienst platziert hatte.[13] Wallace starb 1981, für 1988 gibt es keinen Beleg für eine solche Verbindung. Die Tradition des Hauses, Leserinnen und Lesern zu erklären, wer der Feind ist, war aber älter als jeder einzelne Herausgeber.
Den Film produzierte Pathé Entertainment.[14] Mit dem französischen Traditionsstudio hatte die Firma nur den Namen gemein. Gegründet hatte sie im Januar 1989 der italienische Finanzier Giancarlo Parretti, nachdem er Cannon Films gekauft hatte.[15] Cannon war das Studio der israelischen Produzenten Menahem Golan und Yoram Globus und in den Reagan-Jahren Hollywoods zuverlässigste Fabrik für Feindbilder. In Invasion U.S.A. (1985) überfielen sowjetische Terroristen Florida, in The Delta Force (1986) entführten arabische Terroristen ein Passagierflugzeug, und Chuck Norris räumte jedes Mal auf. Globus blieb nach dem Verkauf an Parrettis Seite und stieg später zum Präsidenten von MGM auf.[16]
Bezahlt wurde das zum großen Teil von Crédit Lyonnais, damals eine französische Staatsbank, vor allem über ihre niederländische Tochter. Angebliche Investoren wie Silvio Berlusconis Fininvest dienten zum Teil nur dazu, die Kredite dieser Bank zu verschleiern. Parretti wurde später wegen Betrugs verurteilt, die Bank musste mit Milliarden Steuergeld gerettet werden.[15][31] Ende 1990 kaufte Parretti mit diesem Geld MGM. So kam Nicht ohne meine Tochter unter das Logo des brüllenden Löwen, unter dem fünf Jahre zuvor Rocky IV den Kalten Krieg im Boxring gewonnen hatte.
Gedreht wurde von Februar bis Mai 1990 in Israel: in den Neve-Ilan-Studios bei Jerusalem, die heute Globus gehören, in Jaffa, Tel Aviv, Akko, im Negev und in Eilat. Für die iranischen Straßenszenen standen russische Einwanderer als Komparsen vor der Kamera, viele Nebenrollen spielten israelische Schauspieler, bevorzugt solche persischer Herkunft, etwa Sasson Gabay als freundlicher Händler im Basar. Das Studio wollte anfangs nicht einmal bekannt werden lassen, dass in Israel gedreht wurde, die erste Pressekonferenz gab es erst Monate nach Drehbeginn.[14][16][16a]Israel war damals ein gängiger Drehort für Nahostkulissen. Es zeigt aber, wie geschlossen der Kreis war, in dem das Bild „des Iraners“ entstand: Iraner, die nach der Revolution ihr Land verlassen hatten, spielten für ein amerikanisches Publikum Iraner, in einem Land, dessen Regierung Teheran wenige Jahre zuvor noch Waffen verkauft hatte.[29]
Sechs Tage vor dem Krieg
Am 11. Januar 1991 lief der Film in den amerikanischen Kinos an. Sechs Tage später begann die Operation Desert Storm.[14]
Der Krieg richtete sich gegen den Irak, ausgerechnet gegen das Land, dessen Bomben auf Teheran gefallen waren, als Betty und Mahtob dort ausharrten. Für die Wirkung spielte das keine Rolle mehr. Roger Ebert schrieb am Tag des Kinostarts, der Film male ein negatives Bild von Muslimen, unmittelbar bevor ein Krieg im Nahen Osten beginne. Würde er eine andere ethnische Gruppe so zeigen, würde man ihn in Amerika rassistisch nennen.[18] Die New York Times schrieb, der Film beute „das Stereotyp des dämonischen Iraners“ aus, Moody sei darin „ein reines Produkt seiner Kultur, ein frauenhassender, mysteriöser Orientale“.[19]
Wie die Erzählung von der bedrohten Frau und dem bedrohten Kind in diesen Monaten benutzt wurde, zeigt ein Fall, der nachweislich bestellt war. Am 10. Oktober 1990, als der Film gerade im Schneideraum lag, sagte vor dem US-Kongress eine fünfzehnjährige Kuwaiterin aus, die sich nur „Nayirah“ nannte. Sie habe gesehen, wie irakische Soldaten Frühgeborene aus Brutkästen rissen und auf dem kalten Boden sterben ließen. Präsident George H. W. Bush zitierte die Geschichte wieder und wieder. Später kam heraus, dass Nayirah die Tochter des kuwaitischen Botschafters war, nie in diesem Krankenhaus gearbeitet hatte und dass ihr Auftritt von der PR-Agentur Hill & Knowlton im Auftrag der kuwaitischen Exilregierung inszeniert worden war.[20]
Gebraucht wurde dieselbe Erzählung: Muslimische Männer bedrohen Frauen und Kinder, und Amerika muss sie retten.
Deutschland, der größte Markt
Fast nirgends war Betty Mahmoody so erfolgreich wie bei uns. Von weltweit mehr als acht Millionen verkauften Büchern gingen über vier Millionen in Deutschland weg.[21] Die Übersetzung erschien 1988 bei Lübbe in Bergisch Gladbach und lag 1991 in der vierzigsten Auflage vor. Der Film bekam die Goldene Leinwand, die für mehr als drei Millionen Kinobesucher vergeben wird.[22]
Lübbe verwertete die Geschichte gründlich. Zum Buch kam die Fortsetzung Aus Liebe zu meiner Tochter (1992), dann ein Begleitband mit über hundert Filmfotos, Die Betty-Mahmoody-Story.[23] Später sicherte sich derselbe Verlag die deutschen Rechte an Moodys Gegenbuch Lost Without My Daughter.[9] Lübbe verdiente an der Anklage, an der Fortsetzung, am Fanbuch und an der Verteidigung.
Widerspruch gab es, er blieb leise. 1991 veröffentlichte Sonia Seddighi im kleinen Berliner Verlag Das Arabische Buch ihre Anmerkungen zu Buch und Film.[23] Gegen Lübbes Millionenauflage hatte sie keine Chance.
Was blieb, hat die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer 2007 so zusammengefasst: Spätestens seit der iranischen Revolution und der Mahmoody-Geschichte liege „der Rahmen für das Frauenbild im Islam fest. Die muslimische Frau gilt als per se unterdrückt, und ihre Behandlung steht pars pro toto für das Denken und Handeln von Muslimen allgemein.“[24] Eine einzelne Ehe wurde zur Erklärung einer ganzen Religion.
Wie tief das saß, zeigte sich 1998, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich. Ein französischer Sender zeigte den Film eine Woche vor dem Spiel USA gegen Iran, die iranische Botschaft protestierte.[25] In Deutschland nahm der Privatsender VOX ihn wieder aus dem Programm, weil man „eine Gefährdung der Mitarbeiter nicht ausschließen“ könne.[22]
Teheran macht es genauso
Auch die andere Seite ging mit der Familie Mahmoody nicht ehrlicher um.
In Iran wurde der Hollywoodfilm zum Gegenbeweis: Der finnische Dokumentarfilm zeigt Moody, wie er nach einer Vorführung an einer Hochschule die Fragen iranischer Studierender beantwortet, die meisten lachen, manche sind empört.[10] Als der Dokumentarfilm 2002 fertig war, meldete die staatliche Nachrichtenagentur IRNA, der Film „kontere die Anti-Iran-Propaganda“ aus Hollywood, und er lief auf dem staatlichen Fajr-Festival in Teheran.[26]
Washington und Teheran haben sich dieselbe Familie geteilt. Für die einen bewies sie die Barbarei des Iran, für die anderen die Verlogenheit Amerikas.
Wessen Bomben
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erlebt etwa jede dritte Frau weltweit in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt.[28] Das sind rund 840 Millionen Frauen und Mädchen, viele von ihnen in Michigan, in Alpena und in Bergisch Gladbach. Fast keine bekommt einen Ghostwriter, eine Agentur aus Beverly Hills, eine Reader’s-Digest-Ausgabe und Sally Field.
Betty Mahmoody bekam all das. Ihr Leid war nicht größer als das anderer Frauen, aber ihr Täter passte ins Bild: Er war Iraner und Muslim, aus einem Land, das Amerika gerade als Feind betrachtete.
Darin liegt die Propaganda dieser Geschichte, nicht in Bettys Tränen, die echt gewesen sein dürften. Sie liegt in der Auswahl: welche Tränen gezeigt werden, welcher Täter für sich allein steht und welcher für ein ganzes Volk. Und welche Frage nie gestellt wird. Über Betty und Mahtob fielen in Teheran irakische Bomben, aus einem Krieg, in dem Washington Saddam stützte und zugleich, über Israel, Teheran bewaffnete.
Quellen
[1] Mahtob Mahmoody, My Name Is Mahtob, Thomas Nelson 2015 (dt. Endlich frei, Lübbe).
[2] National Security Archive (GWU), Joyce Battle (Hg.), „Shaking Hands with Saddam Hussein: The U.S. Tilts toward Iraq, 1980–1984“, Electronic Briefing Book No. 82, 25.02.2003, nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB82/ (Agrarkredite, Exim-Bank, Geheimdienstinfos; Rumsfeld in Bagdad 20.12.1983; formelle Beziehungen ab Nov. 1984).
[3] Betty Mahmoody mit William Hoffer, Not Without My Daughter, St. Martin’s Press 1987, Vorwort; en.wikipedia.org, „Not Without My Daughter (book)“.
[4] BookPage, „The fearful legacy of a father’s abuse“; n-tv.de, 03.11.2015.
[5] Goodreads/IMDb-Autorenprofil William Hoffer (Midnight Express 1977; Not Without My Daughter mit Marilyn Hoffer).
[6] Turkish Coalition of America, „The Real Billy Hayes Regrets Midnight Express, Apologizes to Turks“, 02.07.2007.
[7] ADST, „The Truth Behind Midnight Express“, 2013.
[8] Perin E. Gürel, „Not without My Daughter in Turkey: Transnational Politics of Orientalism“, Diplomatic History 44/5 (2020), 729–755; dies., „Veiled Agents“, in: Türkiye, Iran, and the Politics of Comparison, Cambridge UP.
[9] Sayed Mahmoody, Lost Without My Daughter, 2013 (posthum); Klappentext und Rechteverkauf (DE: Lübbe) bei Moodys Agentur Andrew Lownie Literary Agency. Das Buch selbst lag uns nicht vor.
[10] Lisa Nesselson, Rezension „Without My Daughter“, Variety, 10.04.2003 (u. a. Alice Sharif, Umschlag mit Teheraner Adresse, Vorführung an einer Hochschule).
[10b] Kari Tervo/Alexis Kouros, Without My Daughter (Finnland 2002), Teil 5 und 6 der YouTube-Fassung (youtube.com/watch?v=tqLXRukNmg8, …=H9-kpX6rsCw), Zitate von uns aus dem Englischen übersetzt.
[10a] Ballotpedia, „Patrick Reed Joslyn“ (54th Circuit Court, Tuscola County); Michigan Lawyers Weekly, Judicial Profiles; Michigan Manual 2003–2004 und 2009–2010.
[11] Marita Golden, „Her Husband’s Captive“, New York Times Book Review, 27.12.1987.
[12] Reader’s Digest Condensed Books, Vol. 175 (1988 #1), Open Library / archive.org.
[13] John Heidenry, Theirs Was the Kingdom, Norton 1993, S. 244 („most favored status“ bei der CIA, zitiert nach Joan Mellen, The Great Game in Cuba, 2016); Rezension Los Angeles Times, 25.07.1993 („articles planted by CIA operatives“, internationale Ausgaben).
[14] en.wikipedia.org, „Not Without My Daughter (film)“; AFI Catalog Nr. 58964.
[15] en.wikipedia.org, „MGM-Pathé Communications“; Los Angeles Times, 08.03.1990.
[16] en.wikipedia.org, „Yoram Globus“; Globes, 23.12.2014.
[16a] Miryam Zakheim, „When ‚Not Without My Daughter’ Was Filmed in Israel“, Blog der Israelischen Nationalbibliothek, 15.12.2025 (Darsteller persischer Herkunft, Geheimhaltung des Drehorts); Baltimore Sun, 10.02.1991 („many ‚Iranians’ are portrayed by Israeli actors“).
[17] New York Times, „Pathe Owner Is Pressed To Sell Stake in Studio“, 07.05.1991.
[18] Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 11.01.1991 (zit. nach de.wikipedia.org).
[19] Caryn James, New York Times, 1991 (zit. nach de.wikipedia.org).
[20] en.wikipedia.org, „Nayirah testimony“; „Citizens for a Free Kuwait“.
[21] Welt am Sonntag, „Nicht ohne meine Mutter“, 01.03.2015.
[22] de.wikipedia.org, „Nicht ohne meine Tochter“ (Auflagen, Goldene Leinwand, VOX 1998).
[23] Antiquariatsangebot ZVAB: Berndt Schulz, Die Betty-Mahmoody-Story (Bastei Lübbe 11627); Sonia Seddighi, Betty Mahmoody – eine Amerikanerin in Teheran, Das Arabische Buch, Berlin 1991; Betty Mahmoody, Aus Liebe zu meiner Tochter, Lübbe 1992.
[24] Sabine Schiffer, „Medien als Spiegel und Konstrukteur gesellschaftlicher Vorstellungen. Der Islam in deutschen Medien“, heimatkunde, Heinrich-Böll-Stiftung, 01.08.2007.
[25] en.wikipedia.org, „United States v Iran (1998 FIFA World Cup)“.
[26] Payvand/IRNA, „Finnish documentary counters anti-Iran propaganda in US film“, 21.11.2002 (archiviert).
[27] en.wikipedia.org, „Without My Daughter“.
[28] WHO, „Violence against women“, Faktenblatt, who.int/news-room/fact-sheets/detail/violence-against-women (Schätzung 2023: 31,6 %, 840 Mio. Frauen und Mädchen).
[29] Christian Science Monitor, George D. Moffett III/Warren Richey, „Iran arms deals not likely to damage US-Israel ties“, 04.12.1986, csmonitor.com/1986/1204/arelat-f1.html (Sharon Mai 1982; Arens im Boston Globe, 1982: „at almost the highest levels“); Leslie H. Gelb, „The Iran Pipeline: A Hidden Chapter“, New York Times, 08.12.1991.
[30] Britannica, „Tanker War (1984–88)“ (Operation Earnest Will ab Juli 1987); Iran-Contra-Anhörungen des Kongresses Mai–Aug. 1987.
[31] Variety, „Parretti held by Italy on MGM indictments“, 13.10.1999 (Steuerzahler trugen den Hauptschaden); Los Angeles Times, „France Proposes Bailout for Star-Crossed Credit Lyonnais“, 18.03.1995 (Verluste rund 10 Mrd. Dollar).

